Facetten des Roten

Das Heer zog den Hang hinauf. Es schien vom Nebel ausgespuckt zu werden! In der dunklen Masse waren viele Ungetüme, waffenstarrend, das Licht schluckend, schwarz und zu grausam in ihrem Anblick, um es in Worte zu bannen.

Sie zogen gegen die Schilde und Spieße der Roten, welche sich dem Heerwurm in den Weg stellten, um den Kreislauf zu schützen und Möglichkeiten zu geben, dem Wort Taten folgen zu lassen.

Oben am Hang stand er, die Streiter des Roten, allesamt Männer und Frauen der Ehre und Tat, um sich, er zwischen ihnen. Sein Leben lang hatte er sich gedrückt, vor Verantwortung, vor Konfrontation, war weggelaufen und ausgewichen. Er hatte Jungfrauen geliebt und war vor deren Vätern geflohen, hatte Duelle gemieden und das trotz seiner guten Ausbildung am Schwert.
Doch nun stand er unter ihnen, gerufen von einer Stimme, welche ihn arkan und überzeugend zu diesem Ort her führte.
Er stand in der zweiten Reihe, er würde den Aufprall mit voller Wucht erleben, doch stand er dort keineswegs mit Furcht, er stand da nun voller Mut und im Wissen das erste mal ehrenvoll und richtig zu handeln.
Als die Heere aufeinander prallten wich er nicht, sein Schwert schnitt durch die Luft, schnitt Stahl, Fleisch und Knochen. Er stand seinen Mann, wich nicht zurück, war ein Bild von Stärke, ein Vorbild in seinem Eifer. Niemand wagte es ihm nicht gleichsam beizustehen.
Nun war er ein Roter, ein wahrer Streiter und er hatte in sich selbst Neues entdeckt!

Als die Leichen zu rucken begannen wandte der Magier sich um, er spürte das Wirken der Magie und des neu erschaffenen Geistes.
Mit widerlichem Reißen brach das tote Fleisch auf und die Knochen rissen sich los, sirrend strebten die Knochen aufeinander zu.
Der Golem war abartig und bizarr anzusehen, trotz seiner Größe schnappte er sich behände den nächsten Krieger, benutzte ihn als Keule und hieb um sich.
Der Magier stand da in seinen weiten Roben und sah sich um, in den Gesichtern sah er keine Furcht, nur Anspannung und Wachsamkeit. Sie wichen etwas zurück und bildeten einen Kreis um den Golem, hackten auf heranschnellenden Arme ein oder wehrten sie mit den Schilden ab.
Nun war seine Zeit gekommen, er der Magier, Gebieter über das Feuer, wiederholte die Formeln, welche er einst lernte und nun schon so oft benutzt hatte. Als die Deckung eines Kriegers zu spät kam und der Golem ihn zermalmte legte er Wut und Hass in seine Stimme, er sprach laut und grollend und schleuderte seinen ersten mächtigen Feuerball, welcher dem Golem einen Arm abriss. Nun schleuderte er Feuerball um Feuerball bis der Golem lichterloh brannte.
Dieser wand sich nun mit einem Knacken und Prasseln zu ihm um.
Der Golem bewegte sich nun auf ihn zu, wie er bemerkte und er pflügte sich einen Weg.
In seinen weiten Roben die er trug, spürte er die Hitze, die er selbst erschaffen hatte und so langsam kam lies seine Kraft nach. Doch er erkannte, daß auch der Golem mittlerweile schwächer und langsamer wurde.
Er legte alle Kraft in einen starken Windstoß, warf ihn gegen den Golem … und dieser brach zusammen und herumwirbelnde, brennende Knochensplitter schufen einen tiefen Schnitt in den Reihen des Feindes...

Blut. Überall Blut.
Ich hatte genug davon, für meinen Magister als Handlanger zu buckeln. Ich wollte nicht mehr nur Wasser schleppen und Verbände wickeln. Ich war ein Feldscher, ich will den Verwundeten helfen.
Überall Blut.
Mein Magister meinte, die Verwundeten niemals allein versorgen.
Er ist einfach zu ängstlich. Unsere Reihen kämpfen vorne gegen den Feind, hier liegen nur die Toten und Verwundeten.
Die hoffnungslosen Fälle ungekümmert lassen hat er gesagt. Nur wer die Behandlung überlebt kann uns auch entlohnen.
Blut.
Mein Magister sagte, Krankheit kommt durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte. Ich hab schon selbst erfolgreich einen Aderlass ausgeführt. Aber ob das hier hilft?
Überall liegen die verstümmelten Toten in Lachen von Blut.
Dahinten, da hat sich was bewegt.
Der Krieger scheint jung zu sein, kaum älter als ich selbst. Sein Gesicht ist blutverschmiert. Sein linker Arm ist über dem Gelenk abgerissen. Aus seinen zermatschten Eingeweiden sprudelt das warme Blut, irgendetwas pulsiert in der undefinierbaren Masse aus Fleisch, Blut und Gedärm. Sein Brustkorb hebt und senkt sich nur noch schwach. Welche brachiale Gewalt hat ihn nur so zugerichtet. Ob es hilft seine Körpersäfte? Die Galle vielleicht?
Mein Magen verkrampft sich, mein Hals ist wie zugeschnürt. Wie ein Sturzbach entledige ich mich mir meinem sauren Mageninhalt. Auch meine Säfte scheinen in Ungleichgewicht zu sein.
Da, der junge Krieger bewegt seine Lippen. Er scheint etwas zu sagen. Ich beuge mich über Ihn. Er starrt mich mit seinen leeren Augen an. Ich lange unter seine Schultern um ihn anzuheben. Meine Hand langt in glitschiges warmes Blut. Ich hebe seinen Oberkörper, oder das was davon übrig ist, an. Mein Ohr dicht an seinem Mund. Wieder bewegt er seine Lippen. Ich verstehe nicht was er versucht zu sagen. Es kommt nur ein heiseres Röcheln. Und ich spüre seinen warmen Odem als seine Seele den Körper verlässt.

»EHRE DEM ROTEN!«
Endlich ist es soweit. Heute ist der große Tag.
»EHRE DEM ROTEN!«
Mein Schwert und mein Schild in der Hand. Fühlen sich gut an. Ich fühle mich stark.
»EHRE DEM ROTEN!«
Mein Blut kocht. Die Schlacht steht bevor. Endlich. Nach den ganzen Waffenübungen, dem Drill und den Schikanen.
»EHRE DEM ROTEN!«
Heute Abend werd ich auch am Lagerfeuer Geschichten erzählen können. So wie die Alten. Stolz werde ich meine Narben zeigen. Dann bin ich nicht mehr der junge Rekrut, der von allen herumgeschickt und drangsaliert wird. Dann werd ich auch einer von Ihnen sein. Ein großer Krieger.
»EHRE DEM ROTEN!«
Wir rücken vor. Schild an Schild, Schritt für Schritt.
Die feindlichen Horden stürmen auf uns zu.
»EHRE DEM ROTEN!«
Mein Blut kocht, trotzdem ist mir seltsam kalt. Meine Hand zittert. Ich schaue links und rechts zu meinen Kampfgefährten. Ihre Blicke sind starr in die Ferne gerichtet. Die eine oder andere Hand zittert.
»Ehre dem Roten!«
Davon hat nie jemand erzählt. Der Geruch der Schlacht ist nicht nur Schweiß und Blut. Der Geruch der Schlacht ist vor allem Angst. Meine Angst rinnt an meinem Bein herab, als die erste gegnerische Welle an unseren Schilden zerschellt.
Ehre dem Roten?
Ich kämpfe wie im Traum. Blut spritzt und Glieder werden zerschnitten. Es ist, als ob ich nicht ich selbst wäre, als ob ich mich selbst beobachte.
Unsere Reihen stehen fest.
Als ich Es sehe, scheint mein Herz für einen Schlag aufzuhören zu schlagen. Es bahnt sich seinen Weg zu uns.
Ein Riese. Der Stiel seines Hammers, ein Baumstamm der meine Körpergröße bei weitem übertrifft. Der Hammerkopf so groß wie unser Wasserfass.
Er bleibt direkt mir gegenüber stehen und holt aus. Wie ein Kaninchen die Schlange starre ich ihn an, unfähig mich zu bewegen.
Ich höre wie der Hammer die Luft zerteilt, und dann links von mir das Krachen, als sich der Hammer den Weg durch meine Kameraden bahnt. Ich werde in die Luft geschleudert. Ich sehe einen Schild fliegen. Mein Schild. Mit meinem blutigem Armstumpf, immer noch den Griff umklammernd. Irgendetwas reißt ihn mir, ich spüre einen brennenden Schmerz, spüre Knochen brechen.
Ich liege auf dem Rücken. Über mir der Blaue Himmel. Weiße Wolken ziehen vorbei. Ein paar Vögel kreisen hoch in der Luft. Ich spüre den warmen Sommerwind an meinen Eingeweiden. Ich fühle etwas über mich fließen. Mir ist kalt.
Ein Fremder steht bei mir. Er starrt auf mich herunter. In seinen Augen sehe ich Entsetzen und Ekel. Was sieht er so schreckliches?
Er würgt und dreht sich weg.
»Ehre dem Roten«, versuche ich zu rufen.
Der Fremde beugt sich runter zu mir, er hebt meinen Kopf an. Etwas Brennendes läuft in meine Augen, verschleiert mir die Sicht.
Das Ohr des Fremden ist jetzt ganz dicht an meinem Mund.
Da war noch was.
»Hinter dir!«

Er war tot.
Es ist nicht so, dass ich noch nie einen Toten gesehen hätte. Aber dieser junge Krieger starb in meinen Armen.
Hätte ich Ihm helfen können? Dafür bin ich immerhin hier. Als Feldscher. Die Verwundeten Streiter des Roten zusammenflicken.
Ich stand auf und schaute mich um.
Überall war Blut, tote Körper, Körperteile, Waffen und ... Blut.
Hinter mir waren Leichen in grotesken Verrenkungen zu einem Berg übereinander gestapelt.
Ich drehte mich weg, doch im Drehen meinte ich im Augenwinkel eine Bewegung zu sehen.
Ich schaute zurück zu diesem schrecklichen Berg aus toten Leibern.
Ganz unten, im blutigen Schlamm, streckte sich mir eine Hand entgegen. Und die Finger bewegten sich!
Vielleicht ist es unvernünftig, aber instinktiv versuchte ich den Körper der an dieser Hand hing freizubekommen.
Ich wälzte die Toten zur Seite, und schließlich fand ich Ihn.
Er lag ganz unten auf dem Boden, Rot vom Blut der Gefallenen über ihm. In einem See aus Blut. Und er lebte.
Er trug keine Rüstung, nur eine Robe. Soweit ich es noch erkennen konnte war es eine feine Robe, verziert mit seltsamen Zeichen.
Ich beugte mich über ihn und wischte seine Augen sauber vom Blut. Er sah mich an.
Durch das ganze Blut konnte ich nicht erkennen wo er verwundet ist. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Immerhin keine große tödliche Wunde, aber mein Magister hat mir beigebracht, dass auch kleine Wunden tödlich sein können.
Ich suchte weiter. Da, an der Schulter. Ein kleines rundes Loch, und darin der abgebrochen Schaft eines Pfeils.
Endlich konnte ich zeigen was ich kann und mit meiner Arbeit anfangen.
Ich drückte dem Verletzten ein Beißholz zwischen die Zähne und legte mir mein Werkzeug zurecht.
Die Spitze hatte einen Knochen angeschrammt und steckte fest. Ich nahm meine Pfeilsonde und bohrte in der Wunde. Die Augen des Magus weiteten sich und er bäumte sich auf. Das Beißholz erfüllte seinen Zweck. Sein Kopf viel zur Seite.
Ich fühlte seinen Atem, er war nur ohnmächtig. Sehr gut, dann konnte ich in Ruhe weitermachen.
Es dauerte noch kurz, und ich hatte den vermaledeiten Pfeil in der Hand. Zum Glück war keine der großen Adern verletzt und die Wunde blutete nicht so stark. Ich stopfte ein paar Heilkräuter in die Wunde um die Heilung zu beschleunigen und nähte sie schließlich zu.
Ein Arm schien auch gebrochen zu sein, doch war der Knochen nicht zu sehen. Ich beschloß das im Lazarett zu richten.
Nachdem ich ihn so gut es ging das Blut abgewaschen hatte nahm ich ihn auf die Schultern und trug ihn zurück. Dieser hier wird mir nicht unter meinen Fingern sterben. Dieser nicht.
Angekommen im Lazarett musterte mich mein Magus. "Du lebst noch? Ich hatte dich schon abgeschrieben. Unser Verbandsplatz wurde von hinterhältigen Meuchlern überfallen. Sie hatten sich als Verwundete ausgegeben. Sie schlugen zu, als sich die Heiler über sie beugten. Drei meiner besten Männer hab ich dadurch verloren."
Ich legte meinen Patienten auf eine Liege. Als ich mit einer Schüssel Suppe und Brot zurückkam, war er wieder bei Bewußtsein. Dankbar nahm und aß er.

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